Alpha Warrior Lance – Leseprobe

Ich wusste nicht, wo oben oder unten war.

Es wäre alles deutlich einfacher, würde die Rettungskapsel endlich aufhören, hin und her zu schlingern oder sich zu allen Seiten zu neigen. Die kleine Kammer lag in einem diffusen orangenen Licht. Überall blinkten Anzeigen, die mir signalisierten, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, begleitet von eindringlichen Warntönen.

Dieser Warnung bedurfte es nun wirklich nicht. Um mir das mitzuteilen, musste ich nur auf meinen Magen hören. Der reagierte auf die ruckartigen Bewegungen alles andere als gelassen.

Im Augenblick hing ich in den Sicherheitsgurten mit dem Kopf nach unten. Na, wenn ich mich schon übergab, dann wenigstens nicht auf den Raumanzug … Der nächste heftige Ruck folgte. Gurte zogen sich zusammen und schnitten tief in meine Haut. Die Luft wurde aus meinen Lungen gepresst.

Ich würgte erneut, ohne mich übergeben zu müssen. Das saure und brennende Gefühl in meinem Hals wollte dabei nicht nachlassen. Trotz des nicht enden wollenden Geschaukels gelang es mir, die linke Hand flach auf meinen Bauch zu legen. Ich schloss die Augen und versuchte, tief einzuatmen. Wohltuende Wärme breitete sich von der Stelle aus und erzeugte in mir den so herbeigesehnten Ruhepunkt, auf den ich mich konzentrieren konnte.

Trotz der Taubheit in meiner rechten Hand nestelte ich am Reißverschluss meiner eng anliegenden Fliegerkombination und zog ihn bis zum Querriemen nach unten, der sich unter meine Brust geschoben hatte, und sie nach oben drückte.

Ich atmete erleichtert auf. Ein Stöhnen löste sich aus meiner Kehle.

Dann hielt ich inne.

Hatte das Geschwanke tatsächlich ein Ende?

Ich hob den Kopf. Die Lichter und Töne an den Armaturen waren sich nach wie vor darin einig, dass nichts in Ordnung war – und ich konnte nicht anders, als ihnen recht zu geben –, aber wenigstens mein Magen war bereit, sich umstimmen zu lassen und beruhigte sich mit jedem weiteren Atemzug.

»Computer, Verbindung herstellen!«, befahl ich. Zum ersten Mal seit dem Absturz konnte ich einen klaren Gedanken fassen. Himmel, war dieses krächzende Geräusch wirklich meine Stimme?

Ein Knacksen war zu hören, das fortlaufend von statischem Rauschen unterbrochen wurde. Das klang gar nicht gut.

»Übermittlung an Flottenleitstand, hier Captain Coleen Deering«, versuchte ich dennoch mein Glück. »Zweites Kampfgeschwader, Epsilon Staffel, Dienstnummer …« Ich ratterte den Zahlencode herunter, der mir wie mein eigener Name inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen war.

Angespannt lauschte ich und achtete auf alles, was als Stimme erkennbar war, mochte sie auch noch so verzerrt sein. Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Ich konnte nur hoffen, dass die Klimaanlage durchhielt. Denn ich wusste, wo ich gestrandet war.

Dhenem war keine Welt, auf der man sich länger aufhielt als nötig. Und schon gar nicht im Freien.

Das Knacksen der Funkverbindung erstarb. In der Umklammerung der Gurte drehte ich mich so gut ich konnte zur Seite und suchte nach der Anzeige für die Signalboje, was kopfüber alles andere als leicht war. Als ich ihr gleichmäßiges Blinken entdeckte, war ich prompt beruhigter. Dem Flottenkommando war es also nach wie vor möglich, mich zu orten. Es konnte es sich auch nicht leisten, auf eine Pilotin zu verzichten. Hoffte ich.

Es waren schwere Zeiten. Die K’trach hatten uns in den letzten vier Jahren deutliche Verluste zugefügt. Es gab kaum noch ausreichend Offiziere, um die Kommandostruktur aufrechtzuerhalten. Daher hatten wir Piloten viel mehr Kompetenzen zugeteilt bekommen und konnten in unseren Geschwadern eigenständige Entscheidungen treffen. Wir hatten beschlossen, uns zu trennen und einzeln an verschiedenen Punkten in unserem Sektor Versorgungsfrachter anzugreifen. Je tiefer die K’trach in unseren Raum eindrangen, desto anfälliger waren ihre Nachschubrouten.

Heute war so ein Tag, an dem das Glück nicht auf meiner Seite war. Diese verdammten Echsen hatten hinzugelernt und ließen mein Ziel durch einen Kampfjäger begleiten.

Aus meinem geplanten schnellen Überfall war eine überstürzte Flucht geworden. Ich hatte gedacht, ich hätte meinen Verfolger zwischen den zahlreichen kleinen Monden abgeschüttelt, die Dhenem umgeben. Sein Angriff war so schnell erfolgt, dass ich nicht wusste, ob mein Notruf noch abgesetzt worden war.

Ich hatte meinen Rogue-Jäger nur noch aufgeben und in die Rettungskapsel flüchten können.

Wieder ein Schiff weniger für unseren Widerstand. Wir führten innerhalb unserer eigenen Grenzen inzwischen einen Guerillakrieg, der jeden Tag Opfer von uns abverlangte. Ich verscheuchte den Gedanken, der nach oben drängte. Ich wollte mich nicht an ihn erinnern. Nicht jetzt. Gar nicht.

»Du bist tot«, flüsterte ich und schloss die Augen, bis das Bild aus meinem Kopf verschwunden war.

Ich spannte meinen Körper an und beugte mich vor. Ich musste mich endlich aus diesen Gurten befreien! Und das möglichst ohne mir beim Sturz das Genick zu brechen. Schnaufend und ächzend drehte ich mich zur Seite, bis ich mich zurechtgefunden hatte. Dabei zappelte ich mit den Beinen in der Luft und kam mir vor wie eine Fliege, die in einem Spinnennetz gefangen war.

Ich ertastete die Zentralverriegelung, die alle Gurte um den Oberkörper zusammen hielt. Sie hatte sich verschoben, während sich die Kabine mehrfach überschlagen hatte. Ich presste den Handballen dagegen. Nichts geschah.

Irritiert blickte ich an mir herab und versuchte, den Verschluss zu erkennen. Doch das war in meiner Position unmöglich. Erneut drückte ich dagegen, ohne dass sich etwas tat. Resigniert stützte ich die Beine wieder auf dem Sitz ab und ließ die Arme hängen. Ein gequältes Lachen löste sich von meinen Lippen. Diese vermaledeite Schnalle musste sich beim Aufprall verklemmt haben! Ich legte die Hände vor die Augen und schüttelte den Kopf. In einer Nische befand sich mein Einsatzkoffer mit einem Jagdmesser. Gut verstaut. Und unerreichbar für mich. Damit hätte ich die Gurte durchschneiden können.

»Und jetzt?«, fragte ich laut. Ich schnaufte und versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Es half mir nichts, wenn ich jetzt den Kopf verlor. Ich …

Ich zuckte bei dem dumpfen Schlag zusammen und spannte meine Muskeln an.

Ein zweiter folgte, und direkt danach ein dritter.

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich blickte in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Die Schleusentür. Erneut erfolgten drei Schläge, diesmal schnell hintereinander. Das war kein willkürliches Schlagen. Jemand hämmerte von außen gegen die Tür!

Wie von selbst ging meine rechte Hand zur Hüfte – und ins Leere. Das Holster mit dem Blaster war genau wie das Jagdmesser im Einsatzkoffer verstaut. Es hatte keinen Grund gegeben, beides für ein Raumgefecht anzulegen.

Ich stieß eine Reihe von Verwünschungen aus und stemmte mich gegen die Gurte. Doch sie schlossen sich bei den Bewegungen nur noch strammer um meinen Körper.

Angespannt blickte ich zur Tür. Mit Gewalt ließ sie sich nur öffnen, wenn man schweres Gerät oder Sprengstoff einsetzte. So gesehen war ich sicher, solange es nur Angehörige der Nomadenstämme waren, die verstreut über den Planeten lebten und der kargen Atmosphäre trotzten. Sie verfügten nicht über die Möglichkeiten, hier einzudringen.

Hydraulische Ventile zischten.

Meine Augen weiteren sich, als sich die Schleusentür in ihrer Arretierung bewegte und in der Außenwand versank.

Das war doch nicht möglich!

Ich war die Einzige, die über die Konsolen den Befehl geben konnte, sich zu öffnen! Sicherheitsprotokoll des Flottenkommandos. Selbst ein Rettungsteam hätte die Tür aufschneiden müssen.

Heißer Wind drang ein und raubte mir binnen Sekunden den Atem. Feiner Sand hing in der Luft. Ich kniff die Augen zusammen und wandte den Kopf ab.

Ein Mann lachte volltönend.

»Du hängst hier nur so rum, wie ich sehe?«

Sein Galac hatte einen exotischen Akzent, den ich noch nie gehört hatte.

Ich traute meinen Ohren nicht. Um meine Augen vor dem Sand zu schützen, legte ich die Hände vors Gesicht und spähte zwischen den Fingern hindurch zur Tür. Was ich sah, ließ mein Herz noch schneller schlagen.

Die Silhouette des Körpers war so gewaltig, dass sie den Türrahmen ausfüllte. Durch den empor wehenden Staub war sie kaum zu erkennen. Im ersten Augenblick befürchtete ich, ein K’trach hätte mich aufgestöbert. Dann wäre mein Schicksal besiegelt gewesen. Doch dieser Mann bewegte sich mit einer Gewandtheit, die den Echsenwesen fremd war. Ich hatte sie einmal am Boden kämpfen sehen. Sie waren viel ungelenker.

»Warte, ich verschließe die Tür wieder. Dann bist du zartes Geschöpf vor der Atmosphäre geschützt«, hörte ich seine Worte.

Ich schnappte nach Luft.

Entweder hatte ich Sand in den Ohren oder er im Kopf. Hatte er mich gerade tatsächlich ›zartes Geschöpf‹ genannt?

Ich musste immer noch blinzeln, um den feinen Staub aus meinen Augen zu bekommen. »Hören Sie mal …«, setzte ich an, würde aber vom lautstarken Zuschnappen der Schleusentür unterbrochen.

Sie mochte kaum mehr als eine Minute offen gestanden haben, dennoch war es durch die eingedrungene Luft nun unerträglich heiß in der Kabine. Meine Kombination klebte auf der nackten Haut. Ich musste mit offenem Mund atmen.

Die Klimaanlage röhrte und senkte die Temperatur wieder auf ein erträgliches Maß. Ich stöhnte erleichtert auf.

»Das klingt gut«, hörte ich den Mann sagen, von dem ich wenigstens wusste, dass er kein K’trach war.

»Was?«, fragte ich verwirrt.

»Deine Stimme. Sie gefällt mir.«

Ich runzelte die Stirn. Meine … wie bitte? Was war das für ein Kerl?

Ich öffnete die Augenlider, die noch immer verklebt waren, und sah, wie er mich interessiert musterte. Sein Gesicht war eindeutig humanoid, doch mit viel schärferen Konturen als Menschen sie besaßen.

Es waren seine Augen, die mir endgültig bewusst machten, dass ich keinen Menschen von der Erde vor mir hatte. Sie waren von einem stählernen Blau, wie ich es noch nie gesehen hatte, erfüllt von einem Leben, als ob Sternenlichter in ihnen tanzten. Ich hätte in ihnen versinken können.

Im Moment aber wanderten sie von meinem Gesicht abwärts über meinen Körper und blieben auf meinem Busen haften. Ich folgte ihnen und stieß im Geiste einen Fluch aus. Die verdrehten Gurte schraubten meine Brüste nach oben, und durch den geöffneten Reißverschluss formte sich ein Dekolleté, das in keiner Weise der Dienstvorschrift entsprach.

»Hey!«, rief ich. »Meine Augen sind hier oben!«

Wenigstens wandte er Kopf und sah mich an.

»Du meinst ›dort unten‹?«, fragte er und wies mit einem Fingerzeig auf meine missliche Lage hin. Dabei lag ein frecher Zug um seine Lippen. »Ja, sind mir schon aufgefallen. Ich schaue sie mir später noch mal an.«

Später? Wollte er mich veralbern?!

»Verdammt noch mal, machen Sie mich los!«, fauchte ich. »Was fällt Ihnen überhaupt ein, sich so unmöglich zu benehmen? Wenn ich wieder auf der Basis bin, werde ich Meldung über Sie machen!«

Ich packte ihn beim Oberarm – und ließ ihn sofort wieder los. Es war, als hätte ich meine Hand auf reinen Stahl gelegt, so fest waren seine Muskeln.

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